[Rezension] Steffen Möller – „Viva Warszawa: Polen für Fortgeschrittene“

produkt-10945Nachdem wir gemeinsam mit Steffen Möller eine „Expedition zu den Polen“ mit dem Berlin-Warszawa-Express gemacht haben, sind wir nun mit „Viva Warszawa: Polen für Fortgeschrittene“ in der Hauptstadt Polens angekommen.

Seit nunmehr zwanzig Jahren wohnt Möller, der wohl bekannteste Deutsche in Polen, in Warschau und verrät uns in seinem neuesten Buch nicht nur die wichtigsten Plätze, Sehenswürdigkeiten oder angesagtesten Orte und Geheimtipps. Vielmehr erzählt er von der Geschichte hinter der Stadt, von den Hintergründen vieler Gebäude und Denkmäler sowie von der vorwiegend negativen Einstellung der Polen gegenüber ihrer Hauptstadt.

Meine Eltern kommen beide aus der gleichen Stadt im Süden von Polen, aus der Nähe von Breslau, und obwohl ich schon an vielen Orten in Polen war, so war ich tatsächlich noch kein einziges Mal in Warschau. Weshalb? Weil insbesondere mein Vater der Ansicht ist, dass es dort absolut nichts Sehenswertes gäbe und die Stadt einfach nur grau ist, voller Betonklotze, einfach keine so weite Fahrt wert. Bereits nach den ersten Seiten von „Viva Warszawa: Polen für Fortgeschrittene“ kam dann die Erleuchtung: mein Vater ist mit seiner Einstellung tatsächlich nicht der Einzige! Laut Möller haben die meisten Polen genau solch ein negatives Bild von ihrer Hauptstadt. Das hat zugegebenermaßen auch seinen Grund, steht Warschau doch stellvertretend für fast alle negativen Ereignisse in Polen. Dass die Stadt nach 1945 fast grundlegend neu aufgebaut wurde und bis 1989 vom Sozialismus beherrscht wurde, trägt nicht unbedingt dazu bei, dass sie Touristen oder Einheimischen attraktiv erscheint. Viel lieber besucht man das schönere und traditionsreiche Krakau. Doch seit 1989 und der Solidarność hat sich einiges getan und Warschau ist längst nicht so unattraktiv wie sie vielleicht früher war. Als ich meinen Vater fragte, wann er denn eigentlich zum letzten Mal dort gewesen sei, kam als Antwort: „in den 80ern!“ – schon war alles klar.

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Möller konnte mich bereits mit seinen vorherigen Büchern über Polen komplett begeistern und vor allem mit seinem Humor überzeugen. Besonders toll fand ich es immer, wie viel einem selbst gar nicht so bewusst wird und wie viel man über sich selbst und so einige polnische Begebenheiten entdeckt. Bis zu diesem Buch dachte ich, dass ich mittlerweile alles wusste, was es so zu wissen gibt, aber tatsächlich packt Steffen Möller hier nochmals neue Anekdoten, Erlebnisse und Erkenntnisse aus. Und wieder einmal musste ich über so manche Geschichten lachen, weil sie so unglaublich wahr sind – z.B. dass der 2:0-Sieg der polnischen Fußball-Nationalmannschaft gegenüber den frisch gebackenen Weltmeister letztes Jahr bereits zur Legende geworden ist. Tagelang war es – kein Scherz – Gesprächsthema Nummer eins in den polnischen Nachrichten. Auch die grundlegend negative Einstellung gegenüber dem eigenen Land und erst recht gegenüber der Politik ist ein großes und wahres Thema. Übrigens habe ich bisher kaum etwas von den politischen Themen Polens verstanden – jetzt ist so einiges endlich klarer. Kurzum: man kann hier wieder einmal sehr viel über Polen und seine Bewohner lernen.

Ein ganz großes Kapitel widmet Möller übrigens der Geschichte Warschaus, allen voran der tragischen Geschichte während des zweiten Weltkrieges. Vieles ist nämlich kaum jemanden bekannt und so beschreibt Möller im 13. Kapitel die wichtigsten Ereignisse von 1939 bis 1945. Ja, auf diesen knapp vierzig Seiten fehlt einmal der Humor, stattdessen gibt es viele Zahlen und Fakten, die den meisten gar nicht so bewusst waren. Das meiste sind auch Ereignisse, die kaum jemand außerhalb Polens kennt, weil sie nicht im Geschichtsunterricht gelehrt werden. Auch mir war einiges tatsächlich nicht bekannt, obwohl ich bisher doch vieles erzählt bekommen habe. Und gerade wenn man Warschau wirklich kennen lernen möchte, sollte man die Geschichte dahinter kennen – nur so kann man nachvollziehen, weshalb die Hauptstadt genau so ist, wie sie ist.

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Wie üblich, werden auch hier Möllers Beschreibungen mit vielen Bilder untermalt, so dass man sich als Nicht-Warschau-Kenner sehr gut selbst ein Bild von vielen Gebäuden oder Orten machen kann. Und falls man durch die Lektüre Lust bekommt, die Hauptstadt selbst zu erkunden, vor Ort, nicht nur durch Möllers Erzählungen, so dient der Stadtplan im Buchinneren eine wunderbare Orientierung und führt eine zu den wichtigsten Orten und besten Konditoreien.

„Viva Warszawa: Polen Fortgeschrittene“ ist wieder einmal eine unglaublich interessante als auch unterhaltsame Lektüre – nicht nur für Polen selbst, sondern vor allem auch sowohl für Polenliebhaber als auch für die ewigen Skeptiker. Viele Mythen über das Land, die Stadt und die Bewohner werden aufgeklärt, vieles besprochen und einiges auch für wahr erklärt. Das Buch wandert jetzt weiter zum ewig skeptischen Vater (eben doch ein echter Pole…), mit der Hoffnung, dass er mich nun endlich nach Warschau mitnimmt und bis dahin freue ich mich einfach auf Möllers nächstes Buch!

5ballerinas

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