[Rezension] Sarah Crossan – „Eins“

56585dbda55c3Sarah Crossan war mir bisher nur von ihrer Breathe-Dilogie bekannt, ihr weiterer Roman, „Die Sprache des Wassers“, ist mir noch unbekannt. Doch ihr neuestes Werk, „Eins“, wollte ich schon lesen, seitdem ich die Beschreibung der Originalausgabe gelesen hatte.

„Eins“ erzählt die Geschichte von Grace und Tippi. Zwei Schwestern, die gemeinsam eins bilden. Denn die beiden sind siamesische Zwillinge und von ihrer Geburt an immer in Gesellschaft der jeweils anderen. Trotzdem haben beide unterschiedliche Charaktere, verschiedene Gefühle und sind sich auch nicht immer einig, auch wenn sie so oft als eine Einheit „funktionieren“.

Allein optisch ist dieses Buch ein absoluter Hingucker. Die leuchtenden Farben auf dem weißen Hintergrund. Ein eigentlich schlichtes, aber sehr wirkungsvolles und absolut passendes Cover. Ein durchsichtiger, bedruckter Schutzumschlag, welcher erst in Verbindung mit dem bedruckten Leineneinband eins ergibt.

Eins Sarah Crossan

Als ich die erste Seite aufgeschlagen habe, war ich kurzzeitig verwirrt. Denn statt einem Volltext erwartete mich ein recht ungewöhnlicher Schreibstil. Die gesamte Handlung wird nicht nur in Ich-Form erzählt – aus der Sicht von Grace – sondern ist in Form von Gedichten gehalten. Klingt vielleicht zunächst eigenartig, aber sobald man das Format ignoriert und einfach hintereinander liest, kommt man sehr schnell in den normalen Lesefluss rein, zumal sich die einzelnen Verse auch niemals reimen. Vielmehr wird man von der allerersten Seite an so sehr in den Bann dieser Geschichte gezogen, dass man gar nicht erst groß auf den Schreibstil achtet.

„Ja, stimmt,
nicht jeder ist ein Arschloch“,
meint Tippi.
„Aber in unserer Gegenwart
verwandelt sich jeder in eins.“
Seite 15

So saß ich auch lesend im Bett, in der einen Hand das Buch haltend, mit der anderen Hand wurden im Sekundentakt die Seiten umgeblättert. Ansonsten war ich so gefesselt von dem Buch, dass ich mich in den knapp drei Stunden, in denen ich das Buch gelesen habe, absolut gar nicht bewegt habe – außer eben beim Seiten-Umblättern. Am Ende tat mir der Nacken weh, meine Beine waren eingeschlafen und ich war absolut geflasht – anders kann man das nicht nennen. Ich war zwar von vorneherein neugierig auf diesen Roman, hätte aber niemals gedacht, dass dieser mich so begeistern könnte. Zumal ich von Sarah Crossan so etwas nicht erwartet hatte, auch wenn ich beide Breathe-Dystopien mochte. Aber diese Bücher und „Eins“ sind einfach zwei komplett unterschiedliche Welten und Schreibstile. Absolut umwerfend.

Eins Sarah Crossan

Es fällt mir zugegebenermaßen immer sehr schwer, bei solchen umwerfenden Geschichten die richtigen Worte zu finden. Dass die Geschichte von Tippi und Grace sehr außergewöhnlich ist, dürfte wohl selbstverständlich sein. Und dass die Autorin im Vorfeld sehr genau recherchiert hat, merkt man auch. Die Gefühle der Schwestern, aber auch die der Eltern wirken sehr authentisch und so kann man sich das Leben von Tippi und Grace sehr gut und auch bildhaft vorstellen. Das ist teilweise natürlich auch ein etwas härterer Brocken, wenn man sich mal bewusst macht, was so manches heißt. Wie glücklich man sich schätzen kann, gesund zu sein. Gerade eine Stelle ist mir sehr im Gedächtnis geblieben: die Zwillinge beobachten ein Mädchen, welches über den schlechten WLAN-Empfang klagt und es als Alptraum bezeichnet. Es ist wirklich erschreckend, welche „Sorgen“ man hat, wenn man sich eigentlich glücklich schätzen. Aber das ist eben die Realität und ich nehme mich davon auch nicht aus. Das ist auch nicht der Punkt dieser Geschichte. Vielmehr öffnet sie wenigstens für eine kurze Zeit einem die Augen. Und das Faszinierendste für mich war eher die Einstellung der Schwestern. Sie bemitleiden sich nicht gegenseitig, sondern sind vielmehr froh, dass sie bereits 16 Jahre lang leben konnten, obwohl sie bei der Geburt eine erwartete Überlebenschance von zwei Jahren hatten. Erschreckend sind die Reaktionen fremder Menschen, welche auch beschrieben werden. Erschreckend, wenn auch nicht sonderlich überraschend. Doch es gibt glücklicherweise auch sehr viele unterhaltsame Szenen, so dass man auch schon mal lachen muss. Mit einem Auge lachend, mit dem anderen Auge weinend – so lässt es sich wohl am treffendsten beschreiben.

Im allerersten Monat eines der Lesehighlights des Jahres zu finden, ist vielleicht etwas optimistisch und wahrscheinlich auch sehr gewagt. Aber „Eins“ wird mir ganz sicher lange im Gedächtnis bleiben und es hat mich so sehr gefesselt, berührt, geflasht, dass es ganz, ganz sicher noch in zwölf Monaten unter die Lieblingsbücher 2016 kommt. Ehrlich. Und jetzt ganz schlich: lest das Buch! 

5ballerinas

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Bibliografie:

ISBN: 978-3-958-54057-6 / Verlag: Mixtvision / Übersetzerin: Cordula Setsman

Seiten: 424 / ET: 29.01.2016 / Originaltitel: „One“

21 Gedanken zu “[Rezension] Sarah Crossan – „Eins“

  1. Eine richtig tolle Rezension! Unglaublich, dass du das Buch einfach in einem Rutsch durchgelesen hast! Das spricht ja schon mal sehr für das Buch!
    Kommt auf jeden Fall auf meine Wunschliste!

    Wünsche dir ein tolles Wochenende!

  2. In den Vorschauen habe ich einfach an diesem Buch vorbei geblättert, jetzt lese ich immer mehr Meinungen, bzw „Muss ich haben“ Zeilen. Deine Rezension war ein sehr schöner Start in den Freitag. Das Buch wandert jetzt mal auf die Wunschliste :)

    Sei gegrüßt
    Shanty

  3. Guten Morgen :)
    Ich weiß gar nicht, was du hast: du hast doch die richtigen Worte gefunden, um deine Gefühle auszudrücken ;)
    Auf jeden Fall eine sehr schöne Rezi. Ich hab mal irgendwann ein Buch in einem ähnlichen Stil gelesen, Ich glaube, es war „In liebe, Brooklyn“. Das war auf jeden Fall erfrischend.

    Liebe Grüße,
    Katha
    blog: http://www.svenjasbookchallenge.blogspot.de

  4. Das Buch steht auch auf meiner Wunschliste, seit ich dieses Cover gesehen habe. Jetzt wird der Eintrag nochmal extra unterstrichen! Wenn man ein Buch in einem Rutsch liest, kann es einfach nur richtig gut sein – ich bin so gespannt auf darauf. Danke für die Rezension :-)
    Liebe Grüße,
    Anna

  5. Freut mich sehr, dass dir das Buch auch so gut gefallen hat. Mich haben zwar die Nebenfiguren betreffend ein paar Kleinigkeiten gestört, aber Grace und Tippi (und auch ihre kleine Schwester Dragon) sind mir sehr ans Herz gewachsen. Es ist immer wieder schön, ein Buch zu entdecken, was so anders ist als alles, was man bisher gelesen hat. :)

    ***SPOILER***
    Ist dir übrigens bei der Versform etwas aufgefallen? Wir haben es bei Grace ja mit dem rechten Zwilling zu tun, deswegen fließt der Text der Verse auch nach rechts. Als die beiden dann aber getrennt werden, ist der Text zentriert, also mittig ausgerichtet. Das fand ich sehr gut durchdacht und toll umgesetzt.

  6. Das klingt ja wirklich interessant anders, es kommt gleich auf die WuLi! Danke für die Rezi, denn ich hätte es aufgrund des Covers gerade nicht gekauft ;)

  7. Ich kann dir da eigentlich nur zustimmen, das Buch ist unheimlich toll. Grace und Tippi habe ich während dem Lesen unheimlich lieb gewonnen…

  8. Hallöchen Jess,
    irre. Das Buch klingt verdammt gut, aber ich muss gestehen, dass mich das mit dem Schreibstil ziemlich abschreckt. Ich weiß nicht, ob das was für mich wäre und wie ich damit klarkommen würde. Ich mochte ja die Dilogie von ihr auch sehr gerne. Hach Mensch jetzt muss ich zumindest einmal reinlesen. Ich bin sehr gespannt. Danke für diese wunderbare und mitreißende Rezension.

    Liebst, Lotta

    • Liebe Lotta,
      einfach in die Leseprobe reinlesen, dann müsstest du bestimmt schnell merken, ob das was für dich ist. Aber ich finde wirklich, dass man den Stil auch gut ignorieren kann, weil es sich sonst ganz normal liest. Und er hat einfach eine so tolle Bedeutung. Ach, lies es einfach! :D

      Liebe Grüße!
      Jess

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