[Rezension] Daniel Speck – „Bella Germania“

u1_978-3-596-29596-8„Bella Germania“ ist der Debütroman des deutschen Drehbuchautors Daniel Speck und darin erzählt dieser die Geschichte von gleich drei Generationen der Familie Marconi.

Im Jahr 2014 steht die junge Modedesignerin Julia Becker kurz vor einem möglichen großen Durchbruch ihrer Karriere, als sie unerwartet Besuch von einem ihr unbekannten Mann bekommt. Dieser behauptet, ihr Großvater zu sein. Diese unverhoffte Begegnung stellt Julias Welt vollständig auf den Kopf, denn plötzlich erfährt sie die Geschichte einer Familie, von welcher sie nicht einmal wusste, dass diese existiert.

So sehr mir die schlichte äußerliche Gestaltung des Romans jetzt, nach der Lektüre, gefällt, so hätte ich das Buch von alleine wahrscheinlich nie in die Hand genommen oder näher angeschaut. Doch auf eine zuverlässige Empfehlung hin und nach einem kurzen Blick auf den Klappentext hatte ich mir dieses Buch spontan gekauft und fing schon bald mit dem Lesen an.

Nachdem diese umfangreiche Geschichte im Jahr 2014 mit der Begegnung von Julia Becker und ihrem Großvater, Vincent Schlewitz, beginnt, wird man als Leser schon nach nur wenigen Seiten in das Jahr 1954 entführt. Dort fährt Vincent als junger Mann und Arbeiter bei BMW für das Unternehmen von München über den Brenner nach Mailand, um dort mehr über die italienische Bauweise der Isetta – einem Kleinwagen – zu lernen. In Italien knüpft er jedoch nicht nur wichtige Kontakte, sondern lernt auch die junge Giulietta kennen, welche als Einzige deutsch spricht und für ihn übersetzt. Schon bald verlieben sich die beiden ineinander und Vincent möchte Giulietta mit nach Deutschland nehmen.

Rezension zu "Bella Germania" von Daniel Speck, Fischer Verlag, 2016 (primeballerina's books)

Der über 600 Seiten umfassende Roman erzählt eine unglaublich interessante Familiengeschichte. Es ist jedoch nicht nur eine gewöhnliche Geschichte über eine große Familie, verschiedene Generationen und die Liebe. Vielmehr beschreibt Speck hier die Geschichte italienischer Gastarbeiter, das Leben dieser in Deutschland. Einem Land, welches diese Gastarbeiter nur allzu gerne in Scharen aufgenommen hat, um sie für sich arbeiten zu lassen, diese aber nicht für vollwertig genommen hat. Man bekommt ein umfassendes Bild davon geboten, mit welchen Ängsten und Sorgen diese Gastarbeiter und deren Familien zu kämpfen hatten, was so viele Männer auf sich genommen haben, um ihren Familien in Italien ein besseres Leben bieten zu können. Gerade im Hinblick auf die heutigen politischen Ereignisse regen viele im Buch beschriebene Situationen und Gefühle auch direkt zum Nachdenken ein und man kann nicht umhin, so einige Vergleiche anzustellen.

»Jeder trug seinen Koffer in der Hand, seine Träume im Kopf, Angst im Herzen und eine Medaille in der Tasche.« – Seite 150

Und während man als Leser die Geschichte der Familie Marconi über fünfzig Jahre hinweg verfolgt, wachsen einem die einzelnen Familienmitglieder unglaublich ans Herz. Man hat von Anfang an das Gefühl, selbst ein Teil dieser Familie zu sein. Das liegt aber keineswegs nur daran, dass alle Charaktere so sympathisch sind – ganz im Gegenteil sogar. Vielmehr werden die Charaktere alle so authentisch beschrieben, mit allen guten, aber auch schlechten Eigenschaften. Es werden Fehler gemacht, teilweise sehr große Fehler, doch so ist es auch im wahren Leben. Und gerade deswegen nimmt einen diese Familiengeschichte so mit – man leidet mit ihnen, man freut sich mit ihnen, man fühlt mit ihnen. In über fünfzig Jahren passiert unglaublich viel – nicht nur innerhalb dieser einen Familie, sondern auch außerhalb, auf der ganzen Welt, in der Politik, in der Wissenschaft. Und auch wenn man nun meinen könnte, es wäre viel zu langwierig, so viele Ereignisse in so vielen Jahren nachzulesen oder die Handlung wäre viel zu überfüllt – dem ist nicht so.

Tatsächlich möchte man am liebsten keinen einzelnen Tag überspringen und gar nicht erst aus der Geschichte auftauchen, wenn man erst einmal darin versunken ist. Außerdem wird nicht rein chronologisch erzählt – zwischen den Eindrücken aus der Vergangenheit kehrt man immer wieder in die Gegenwart, das Jahr 2014 und Julias Leben, zurück. Die beschreibenden Perspektiven, welche die zurückliegende Geschichte der Familie erzählen, wechseln sich dabei immer ab, je nachdem, auf wen Julia gerade in der Gegenwart trifft. Eine wunderbare Erzählart, die nicht anders kann, als den Leser für sich zu gewinnen.

Niemals hätte ich hinter dem schlichten Titel „Bella Germania“ eine so umfassende, abwechslungsreiche und unfassbar interessante Geschichte vermutet. Daniel Speck erzählt hier so viel mehr als nur eine deutsch-italienische Familiengeschichte und damit ist das mal wieder solch ein Roman, den man einfach nur jedem in die Hände drücken möchte, mit den Worten: einfach lesen. Unbedingt.

5ballerinas

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Bibliografie:

ISBN: 978-3-596-29596-8 / Verlag: Fischer / Übersetzung:

Seiten: 624 / ET: 28.07.2016 / Originaltitel:

7 Gedanken zu “[Rezension] Daniel Speck – „Bella Germania“

  1. Das hört sich nach einem sehr spannenden Buch an. Da ich aktuell noch auf der Suche bin nach Strandlektüre für einen Urlaub Anfang September, werde ich dieses Buch definitiv im Auge behalten.

    Ich habe es gerade beruflich mit einer Familie von ehemaligen italienischen Gastarbeitern zu tun, die ursprünglich als Hilfsarbeiter für den Bau nach Deutschland kamen, und es durch viele Zufälle schafften, ein florierendes Unternehmen in einem ganz anderen Bereich aufzuziehen. Eine tolle Geschichte, besonders gut gefällt mir, dass einer der Söhne mir gegenüber erwähnt hat, dass sie ihren Eltern wahnsinnig dankbar sind, dass diese damals nach Deutschland sind, denn in Italien hätten sie niemals so ein Unternehmen aufziehen können. Und die alten Herren fühlen sich in der Tat an ihre eigene Geschichte erinnert, wenn sie heute Flüchtlinge nach Deutschland kommen sehen…

  2. Roland Günther schreibt:

    Ich lese das Buch gerade und bin ziemlich begeistert, es ist auch sehr interessant, weil meine Tochter mit einem Italiener verheiratet ist und dessen Eltern bzw der Vater eben in dieser Zeit, die hier beschrieben wird als Gastarbeiter nach Deutschland kam. Die Familie stammt aus Süditalien und ist halt sehr typisch wie in der Geschichte.

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